Dierk O. Hoffmann

*1942

Interkulturelles Lernen, das globale Klassenzimmer, ist ein wesentlicher Aspekt im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert, wie schon Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama von Tibet, in einem Vorwort zu dem Buch A World's Fair for the Global Village anmerkte: „Die Technologie, die die Welt umspannt und uns erlaubt, zu jedem Zeitpunkt über Ozeane hinweg zu kommunizieren, ist ein Hilfsmittel, das wir benützen können, um die Vielfalt unserer Welt zu erhalten und unser gegenseitiges Verständnis zu bereichern und unseren Gemeinschaftssinn zu stärken.“

Diese Sätze bestimmten zum Großteil die sich über dreißig Jahre erstreckende Lehrtätigkeit von Dierk O. Hoffmann (*1942) an der Colgate University in dem idyllischen Ort Hamilton im Staate New York sowie in gewissem Sinn auch sein Interesse für Paul Leppin, der sein ganzes Leben lang sich bemühte, Tschechen, Juden und Deutsche als eine Gemeinschaft in Prag zu sehen. In beiden Fällen geht es um gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit, die es zu fördern gilt.   

Als Lehrer bedeutete dies für Hoffmann, Studierende – wo, wie und wann immer möglich – mit anderen Kulturen und Meinungen zu konfrontieren: Studienaufenthalte mit amerikanischen Studentengruppen in Deutschland und Kurse in den USA, die amerikanische und deutsche Studenten mit Hilfe von Videokonferenzen und verschiedenen Computerprogrammen zusammenführten. Bei diesem globalen Klassenzimmer ging es um gemeinsame Gespräche mit zeitgenössischen Schriftstellern – berühmten wie Hans Magnus Enzensberger, jungen wie Benjamin Lebert, populären wie Bernhard Schlink – oder auch Künstlern – so der aus Prag stammende Karel Trinkewitz, Freund von Václav Havel und Mitunterzeichner der Charta 77, der später eine Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Prag anregte. Dann waren es Theater, vor allem das Thalia Theater in Hamburg, das Freiburger Stadttheater und das Berliner Ensemble, die mithalfen, eine neue Form des Lernens zu verwirklichen. Sie waren bereit, mit den internationalen Studentinnen und Studenten die Entstehung ihrer neuesten Inszenierung zu teilen, die Aufführungen digital zu Verfügung zu stellen und nach der Uraufführung darüber mit allen Beteiligten der deutschen und amerikanischen Institute zu diskutieren, wobei sowohl Dramaturgen, Regisseure, Bühnenbilder und Schauspieler daran teilnahmen. Lernen wurde auf diese Weise zu einem unvergeßlichen Erlebnis und führte zu einem fundierten Verständnis der Werke, das noch erweitert wurde durch die Heranziehung von Wissenschaftsexperten, die nicht immer die Ansichten der Praktiker auf der Bühne teilten und so den Diskurs vertieften. Immer war das Ziel des Unterrichts: das Bewußtsein der Vielfältigkeit zu erhöhen, abweichende Ansichten zu respektieren und eigene Urteile gut zu begründen.

Dieselbe Haltung führte auch zu dem Interesse an Paul Leppin und seinem Werk, der auf der einen Seite als „Troubadour des alten Prag“ Anerkennung fand, auf der anderen Seite als drittklassiger Möchtegern abgetan wurde, der Kitsch und „widerliche“ Bücher produzierte mit „etwas mystischem Gefasel um die Cochonnerien herum“. Was trifft zu? Wie ist Paul Leppins Werk einzuschätzen? Voraussetzung für ein echtes Urteil sind natürlich die Texte, die es vorzustellen gilt – und zwar nicht nur die wenigen bekannten Romane, die immer wieder zitiert werden.

Dirk Hoffmanns Veröffentlichungen enthalten deswegen über und von Paul Leppin u. a. eine ausführliche Monographie zu Leppins Leben und Werk mit einer ersten Primär-Bibliographie und der Erstveröffentlichung einiger Werke aus dem Nachlass (Diss. Basel, 1973; Teildruck: Clausthal-Zellerfeld, 1973.; Kurz-Fassung mit Primärbibliographie, Bonn: Bouvier, 1982); die posthume Ausgabe des Romans Blaugast. München; Langen-Müller, 1984; die Neu-Ausgabe des Romans Severins Gang in die Finsternis. Ravensburg: Verlag Peter Selinka; 1988; eine neue Zusammenstellung einiger Gedichte und Prosastücke: Alt-Prager Spaziergänge. Ravensburg: Verlag Peter Selinka; 1990; mit Angela Reinthal die Neu-Ausgabe des Romans Daniel Jesus. Heidelberg: Elfenbein-Verlag, 2001; mit Julia Hadwiger einen Querschnitt durch Leppins Leben und Werk mit Erstdrucken (vor allem dem Schauspiel Der Enkel des Golem mit Entwürfen zu den Bühnenbildern von Hugo Steiner-Prag): Werkausgabe Band 1. 13 Kapitel Liebe aus der Hölle. Zürich: ssi-Verlag, 2007; mit Julia Hadwiger Neu-Ausgabe des Romans Hüter der Freude. Zürich: ssi-Verlag, 2007.

Andere Buch-Veröffentlichungen schließen ein: mit Willi Schuh die Kritische Ausgabe der Oper von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss: Der Rosenkavalier als Band 23 der Sämtlichen Werke Hugo von Hofmannsthals. Frankfurt: S. Fischer, 1986; mit Ingeborg Haase und Artur Hartlieb-Wallthor: Der Rosenkavalier. Textfassungen und Zeilenkommentar. Wien: Hollitzer Verlag, 2017; mit Katy Fraser: Pop Culture Germany! Santa Barbara: ABC-CLIO, 2006; mit Agnes Langdon ein deutsches Unterrichtswerk: Alternativen. Lesebuch und Grammatik. Fort Worth: Holt, Rinehart and Winston, 1989 bzw. 1990.