Hans Jakob Grimmelshausen

1622–1676

Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen (um 1622 Gelnhausen – 1676 Renchen im Schwarzwald) entstammt mit einiger Wahrscheinlichkeit einem alten Adelsgeschlecht, allerdings hat die seit Jahrzehnten in dem hessischen Reichsstädtchen Gelnhausen ansässige lutherische Familie „Christoffel“ ihren Adelsnamen längst abgelegt, als der Dichter sich wieder mit diesem zu schmücken beginnt. Vielleicht darf man das „von Grimmelshausen“ auch nur als Herkunftsbezeichnung auffassen, von aristokratischer Tradition ist zumindest während der Lebenszeit des Autors nichts mehr vorhanden, und angemaßt wird er sich den Adelsstand bestimmt nicht haben – dazu stünde sein Charakter und auch seine Lebenserfahrung in diametralem Gegensatz. Grimmelhausen hatte überhaupt seine Freude an Pseudonymen, zeichnete bald mit German Schleifheim von Sulsfort, bald als Philarchus Grossus von Trommenheim auf Griffsberg oder Melchior Sternfels von Fuchsheim. Das muß man freilich auch vor dem Hintergrund seiner Epoche sehen, Grimmelshausen ist ein echter Barockmensch, der seine Rolle im gesellschaftlichen Theater spielt und in ihr aufgeht. Jene Individualität, der wir uns auf Gedeih und Verderb verschrieben haben, ist ihm noch gänzlich fremd, da fällt es leichter, den eigenen Namen fort zu tauschen, da spielt es keine Rolle, unter welchem Pseudonym man schafft. Es fällt auf, daß er viel treuer am Namen seines Haupthelden festhält, der ihm Ruhm und wohl auch Geld einbringt, als an seinem eigenen. Ferner wollen wir nicht vergessen, daß der Dichter keine Standesperson ist, kein Hofpoet, kein Gelehrter an einer hohen Schule. Ihm und seinesgleichen ist es nicht in die Wiege gelegt, Bücher zu schreiben, seine literarischen Ambitionen sind in seiner Umgebung wohl kaum ein sprudelnder Born gesellschaftlicher Anerkennung, zumindest nicht ehe sich der Erfolg einstellt.

Grimmelshausens Vater stirbt früh, die Mutter, bald wieder verheiratet, überläßt die Erziehung des kleinen Hans dessen Großvater, einem Bäckermeister, der den Buben in die Lateinschule schickt. Aber der Bildungsweg des Knaben wird durch die Wechselfälle des Dreißigjährigen Krieges abrupt unterbrochen. „Man weiß ja wohl daß er selbst nichts studirt, gelernet noch erfahren: sondern so bald er kaum das ABC begriffen hatt / in Krieg kommen / im zehenjährigen Alter ein rotziger Musquedirer worden“ – so hat er später in einem seiner Bücher eingestanden.

Seine Vaterstadt wird im September 1634 geplündert und niedergebrannt, der Bursche sucht Zuflucht in der Festung Hanau, gerät in Gefangenschaft marodierender Kroaten, findet sich als Troßbursch bei hessischen Soldaten wieder, ist wohl als solcher dabei, als Magdeburg belagert wird, beteiligt sich an der Schlacht bei Wittstock und ficht in der Folge mehrere Jahre auf westfälischen Kriegsschauplätzen. Freilich sind diese Details mit Vorsicht zu genießen, entstammen sie doch Analogieschlüssen, zu denen sein literarisches Werk mitunter Anlaß gibt. Eines ist wohl sicher, Grimmelshausen lernt die häßliche Fratze des Krieges in allen ihren schauerlichen, aber auch faszinierenden Einzelheiten kennen, erlebt den Niedergang seines Vaterlandes, den Niedergang Europas. Seine Ausbildung erfährt er nicht von gestrengen Pandekten oder belesenen Schulmeistern, sondern von den Akteuren einer ins Wanken geratenen Zeit, einer zusammenbrechenden Welt. Der Krieg läßt keine Zeit zur Rast, der gemeine Soldat im Regiment des Feldmarschalls Hans Grafen von Götz hält sich einmal in Baden auf, ficht ein andermal in der Gegend von Freiburg und wird schließlich zum Entsatz von Breisach an den Oberrhein befohlen.

Der Befehlshaber der Festung, ein Obristenleutnant Hans Reinhard von Schauenburg, wird auf Grimmelshausen aufmerksam und holt ihn 1645 in seine Regimentskanzlei. Hier ist der mittlerweile allem Anschein nach zu den Katholischen konvertierte Musketier nicht mehr unmittelbar dem rauhen Landsknechtsleben ausgesetzt, kann sich fortbilden, schließlich zum Regimentsschreiber aufsteigen.

Gegen Ende des Krieges nimmt er noch an einem Feldzug nach Bayern teil, das große Schlachten aber neigt sich seinem Ende zu, der halbe Kontinent liegt in Schutt und Asche. Grimmelshausen quittiert nun den Militärdienst und versucht so gut es eben geht sich im zivilen Leben einzurichten. Da ist es nur allzu verständlich, wenn er mit Catharina Henninger eine angesehene Bürgerstochter heiratet und eine Familie begründet.

Die Verbindung zu seinem vormaligen Kommandanten reißt nicht ab. Er folgt diesem nach dem badischen Dorf Gaisbach bei Oberkirch im malerischen Renchtal, wo er von 1649 bis 1660 auf den Gütern des Obersten das Amt eines Gutsverwalters, oder „Schaffners“, wie man damals sagt, bekleidet. Zu seinen Obliegenheiten gehört auch die Verwaltung des Wirtshauses „Zum Silbernen Stern“. Aber Grimmelshausen, den die Schulden plagen, überwirft sich mit der Herrschaft und muß seinen Abschied nehmen. Weit wandert der Autor aber nicht, er übernimmt die Stelle eines Burgvogtes für den Straßburger Arzt Doktor Johannes Küffer, der die nahegelegene Ullenburg als Pfandlehen innehat. In Straßburg lernt er das literarische Leben seiner Zeit kennen, wiewohl er kaum Anschluß findet an die Kreise der dortigen Sprachverbesserer, die er mit beißendem Spott übergießt. Im Frühjahr 1665 verläßt er die Ullenburg und kehrt für kurze Zeit nach Gaisbach zurück und eröffnet erneut das Gasthaus „Zum Silbernen Stern“, diesmal auf eigene Rechnung, die Schenke wirft aber nicht genug ab, Grimmelshausen muß sich wieder um einen neuen, einträglicheren Posten bewerben. Seinen Bemühungen um eine gesicherte Beamtenstellung sind nunmehr von Erfolg gekrönt. Als des Straßburgers Bischof Schultheiß findet der Familienvater im nahen Renchen schließlich jenen Posten, der es ihm erlaubt, neben der Versorgung seiner heranwachsenden Kinderschar auch der Schriftstellerei zu frönen. Zwischen Kontrakten und Akten, Eheverträgen und Mahnbriefen zur Eintreibung herrschaftlicher Forderungen verfaßt er seinen Erstling, den Satyrischen Pilgram, ein Sittenbild seiner Zeit. Diesem folgt alsbald ein politischer Roman – Josef, mit dem sich Grimmelshausen „etwas im Schreiben zu üben“ versucht. In diesen Werken kündigt sich bereits sein großer Wurf an, das 1668 erscheinende (und nach üblicher Verlagspraxis auf 1669 vordatierte) Gemälde des Dreißigjährigen Krieges Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen.

Der in epischer Breite angelegte Roman beschert ihm glänzenden Ruhm und sichert ein literarisches Fortleben bis in die Gegenwart. Grimmelshausen bringt nichts Geringeres zustande, als den ersten selbständigen deutschen Roman, der im übrigen bis heute als eines der eindrucksvollsten und besten Prosawerke der deutschen Literatur überhaupt eingeschätzt wird. Das volkstümliche Werk verkauft sich von Anfang an gut, wird viel gelesen und findet mehrere Nachahmer, ein französischer „Simplicius“ erscheint, auch ein dänischer und sogar ein türkischer. Grimmelshausen versteht, daß das Eisen heiß zu schmieden ist, und so läßt er seinem Simplicissimus in rascher Abfolge weitere, mit diesem in innerer Verbindung stehende Werke folgen, so daß man Grund hat, von Simplizianischen Schriften zu sprechen. Schon im Folgejahr 1670 veröffentlicht Grimmelshausen als Gegenbild zum aus dem Spessart herstammenden Haupthelden Simplex das Lebensbild einer in die Wirren des mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegenden Krieges verstrickten Frau – die Lebenserinnerung der unglücklichen, aus dem Böhmerland stammenden „Courasche“, die nach einem bewegten Leben als Soldatenbraut, -liebchen und -hure, Marketenderin, Buhlerin, Diebin und Zigeunerin ihren Untergang findet. Die Abenteuer der Landstörtzerin Courasche werden in diesem Werk überaus plastisch und wirklichkeitsnah geschildert, in einer „Saftigkeit und Kraft, wie es sie bis zu Jeremias Getthelf nicht wieder gibt“ (Paul Fechter). Mit diesem Roman Trutz Simplex: Oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung Der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche [Utopia, Nürnberg 1670] gelingt dem Autor erneut ein scharfes Abbild jener Epoche, die wir ohne Vermittlung durch das Wort des Dichters kaum noch nachvollziehen könnten. Grimmelshausen will Trutz Simplex jedenfalls auf einer Stufe mit dem Hauptwerk des Simplicissimus bewertet sehen, führt er doch im Titelkupfer an, das die Courasche „Eben so lustig / annehmlich und nutzlich zu betrachten / als Simplicissimus selbst“. Der Verlag wird diesem Ansinnen eines Bestseller-Autors vermutlich wohlwollend gegenübergestanden sein.

Grimmelshausen unternimmt einen einfachen Kunstgriff, um das Nachfolgewerk mit dem Simplicissimus zu verknüpfen. Er bezieht sich auf eine im folgenden wiedergegebene kurze Passage im sechsten Kapitel des fünften Buches des Simplicius Simplicissimus, wo der Held Simplex während eines Aufenthaltes in einem Kurbad Bekanntschaft mit der Heldin des Nachfolgewerkes schließt:

„Es befand sich im Sauerbrunn (wo ich zur Kur weilte) eine schöne Dame, die sich für eine vom Adel ausgab und die meines Erachtens doch mehr mobilis als nobilis war. Ihrer Männerfalle saß ich auf, weil sie ziemlich glatthaarig zu sein schien. Ich erhielt auch in kurzer Zeit nicht allein freien Zutritt, sondern alle Vergnügung, die ich nur hätte wünschen und begehren mögen. Aber ich hatte gleich einen Abscheu vor ihrer Leichtfertigkeit und trachtete deshalb danach, wie ich sie auf gute Art wieder loswerden könnte; denn, wie mich dünkte, ging sie mehr darauf aus, meinen Säckel zu scheren, als mich zur Ehe zu bekommen. Zudem überhäufte sie mich mit zur Liebe reizenden, feurigen Blicken und mit anderen Bezeigungen ihrer brennenden Leidenschaft, wo ich nur ging und stand, so daß ich mich vor mir und ihr schämen mußte.“

Soviel Überheblichkeit darf nicht ungerächt bleiben. Nach Jahrzehnten – zumindest in der Phantasie des Autors – gibt die Begegnung im Sauerbrunn der geschmähten Courasche noch Anlaß zu einer geharnischten Trotzschrift gegen den ehemaligen Liebhaber – daher auch der Titel Trutz-Simplex.

Im Hochsommer des Jahres 1676, am 17. August, beschließt der erfolgreiche Schriftsteller Grimmelshausen sein von Eindrücken, Erfahrungen und Abenteuern so überreiches Leben, gestärkt durch den „frommen Empfang der Sakramentes der Eucharistie“, und im Kreise einer neunköpfigen Kinderschar. Da gerade französische Truppen in das oberrheinische Gebiet eingedrungen und das Land mit Kontributionen und Verwüstungen schwer heimsuchen, scheidet Grimmelshausen von dieser Welt just als er sich erneut anschickt, in den Krieg zu ziehen. Im Kirchenbuch von Renchen findet sich der Beleg dafür, daß er bereit ist, als Freiwilliger seine Haut zu Markte zu tragen – eine wahrhaftig patriotische Tat für einen fast 55jährigen Mann von „hoher Begabung und großer Bildung“, wie sich der Pfarrer über Grimmelshausen äußert.

Der Tod nimmt Grimmelshausen sowohl Muskete als auch Feder aus der Hand. Aber in seinem unsterblichen Werk lebt und ficht er fort bis in alle Ewigkeit.

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