Kafkas Wien
Kafkas Wien

Kafkas Wien

Durchgehend farbig bebildert
  • 19 x 21 cm, 456 Seiten
  • Deckenband, Fadenheftung, Schutzumschlag, Lesebändchen
  • ISBN 978-3-89919-282-7
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Es ist ein weißer Fleck auf der Landkarte der Kafkaforschung: des Prager Schriftstellers Beziehung zu der Hauptstadt des Kaiserreiches, dessen Untertan er war. Schon als Knabe wurde er Zeuge der Besuche Franz Josefs in seiner Heimatstadt, später sah er sich den musikalischen und literarischen Einflüssen ausgesetzt, die von der lebensfrohen, ihm jedoch verhaßten Habsburger-Residenz ausgingen. So kann es nicht verwundern, daß er nicht als Tourist nach Wien kam, sondern als Durchreisender, als Kongreßteilnehmer, als Liebender, als Schwerkranker und schließlich als Sterbender, der in einem Zinnsarg der Wiener Städtischen Bestattungsanstalt an die Moldau zurückkehren sollte. Dieser üppig mit Bildern ausgestattete Band führt an die Stätten, die der Schriftsteller mit seiner Anwesenheit nobilitierte, benennt die von ihm geschätzten und abgelehnten Wiener Schriftsteller und Bühnenkünstler und zeigt die Ursachen seiner Wien-Aversion auf. So erhält der Leser erstmals erschöpfend Auskunft über den Rang, den die Stadt und ihre Bewohner in Kafkas Leben und Denken einnahmen.

Was die Sternwarte von Greenwich für die Zeitmessung, das ist Binder für die Kafka-Forschung.

Stuttgarter Zeitung

Pressestimmen Pressestimmen

„Es war für mich gar zu hässlich dort“

Wer sagt, dass Leben und Werk Franz Kafkas so weit erforscht sind, dass keine bedeutsamen Entdeckungen mehr zu machen sind? Wissen wir nicht bereits alles über ihn und haben nicht Exegeten jeder Weltanschauung all ihre Energien daran gesetzt, um auch noch solche Deutungen über die Romane und Erzählungen zu breiten, die diesen gar nicht entsprechen?

Hartmut Binder, Jahrgang 1937, der sich ein Forscherleben lang mit Kafka beschäftigt hat, denkt selbst, dass viele Interpretationen viel zu weit gegangen sind, sobald sie das Werk auf einen religiösen oder ideologischen Nenner zu bringen trachteten. Er lässt sich selbst nach wie vor von den Texten aus der Ruhe bringen. Bei allen Bemühungen, Kafka zu zähmen, findet er das Werk nach Jahrzehnte währender Lektüre immer noch irritierend. Mit der Erzählung „Die Verwandlung“ etwa ist Binder bislang an kein Ende gekommen. „Damals, in den sechziger Jahren, war es so, dass Kafka großes Rätsel war. Das war für mich eine Herausforderung. Ich habe aber bald gemerkt, dass der gute Mann uns eine Falle stellt, dass er uns zu bestimmten Interpretationen auffordert, aber dann den Schlüssel verborgen hat, sodass wir ins Leere laufen“, sagt er, sich an die Anfänge seiner Begeisterung erinnernd. Auch hoch gelobte jüngere Großunternehmungen, Kafkas Biografie zu erzählen, wie jene von Klaus Wagenbach oder Reiner Stach finden bei Binder nicht restlos Zustimmung. Zu feuilletonistisch verfasst, bisweilen allzu spekulativ und vor allem lückenhaft empfindet er diese Unternehmungen.

Wien, der große weiße Fleck

Dass es noch biografische Leerstellen geben soll, überrascht, zumal bekannt ist, wie Archive selbst nach winzigen und unbedeutenden Dokumenten durchforstet wurden, um Licht in das Leben eines grandiosen Versteckspielers zu bringen. Binder: „Da gab es weiße Flecken, vor allem, was seine Reisen betrifft. Ich habe zuerst die Paris-Reisen untersucht und dann die Reise nach Italien. Jetzt blieb nach Wien übrig, die Ungarn-Reisen und das Verhältnis zur Monarchie. Das ist der letzte größere weise Fleck in meinen Augen.“

Im Band „Kafkas Wien“ sind die Ergebnisse zusammengefasst worden. Die Bilderfülle ist der Besessenheit Binders zu verdanken, der sich viele Jahre lang in Antiquariaten umsah und Fotografien von Örtlichkeiten aufstöberte, so wie sie Kafka untergekommen sein müssen. Das Café Museum in Wien befindet sich 1911 in ebenjenem Zustand, in dem es Kafka vorgefunden hat und worüber Milena Jesenská folgende Beschreibung eingefallen ist: „Am seltsamsten ist das Leben innerhalb des Kaffeehauses: Besitzer, Ober, Kellner, Pikkolos einschließlich Garderoben- und Toilettenfrau, diese ganze Gemeinde, ihre Gesetze, ihr Jargon, das ist es, was von der übrigen Welt so abgesondert ist.“ Im Band ist es abgebildet und gibt etwas von jener Atmosphäre wieder, die im Lauf der Geschichte auf der Strecke geblieben ist.

Kafka war ein Kind der Monarchie und jemand, den man stark mit seiner Stadt Prag verbunden sieht. Mit der Residenzstadt Wien kam er dennoch früh über Besuche des Kaisers in Berührung. Binder findet keine Anzeichen, dass die Familie den Habsburgern kritisch begegnet wäre. Als Schüler wurde er dazu verdonnert, als Teil einer dramaturgisch ausgeklügelten Jubelkulisse Spalier zu stehen.

Wien bedeutet einen Nebenschauplatz in der Biografie von Kafka, in seinem Denken und Empfinden allerdings nimmt die Stadt einen Sonderplatz der Abneigung ein. Schon als Jugendlichem bedeutete ihm Wien wenig. Als ein „absterbendes Riesendorf“ bezeichnete er die Metropole später, und er schreibt gar von „meinem Hass gegen Wien“. Ein Treffen dort mit Grete Bloch im Februar 1914 lehnte er mit den Worten ab: „Nach Wien möchte ich für meinen Teil nicht, auch nicht im Mai. Es war für mich gar zu hässlich dort.“ Allerdings dachte er einmal daran, an der Hochschule für Welthandel zu studieren. Doch davon, von den „vielfältigen kulturellen Angeboten“ Gebrauch zu machen, ist in den Briefen an seinen damaligen frühen Schwarm Hedwig Weiler nie die Rede. Aber was heißt schon „Schwarm“ bei Kafka, diesem Verweigerer von Nähe. Die Literatur, die aus der Metropole kam, muss Kafka bei all seiner Wien-Skepsis dennoch aufgenommen haben, bedeutet hat sie ihm nicht viel. Gegen Schnitzler hegte er überhaupt eine ausgeprägte Aversion. Woher diese grundsätzliche Wien-Verneigung kommt, lässt sich nicht klären.

Mutmaßungen über die Gründe

Kafka schätzte Berlin, das er aus eigener Anschauung kaum kannte, als Symbolort der Moderne, reicht das aus, um Wien zu verdammen? Das vermag auch Hartmut Binder nicht zu entscheiden. Auch ein so renommierter Forscher kommt um Mutmaßungen und Rückschlüsse nicht herum, um sich ein Bild von Kafkas Wien-Vorstellung zu machen, zumal es sich hier um innere Entwicklungen und schwer dingfest zu machende intellektuelle und emotionale Prägungen handelt. Wenn die Dokumente versagen, ist Kombinationsgeist gefordert. Der ist nicht immer ganz schlüssig. Dass das Wien der Jahrhundertwende als „Inbegriff des Seicht-Sentimentalen und nicht zuletzt als Hochburg des Antisemitismus galt“, das sich „den sich seines Judentums bewussten und der nationaljüdischen Bewegung Zuneigten zu ihrem Gegner machen musste“, wirkt allzu zwanghaft der Rechtfertigung von Kafkas Wien-Hass verpflichtet. Wo bleibt das Wien, das sich gerade als ein Zentrum der Moderne durchgesetzt hatte und wie passt das mit Kafkas Ablehnung der so jüdisch geprägten Kulturszene insgesamt zusammen? Das letzte Wort über Kafkas Wien ist noch nicht gesprochen, ein grandioser Anfang ist jedenfalls gemacht worden.

Sein Lebensende verbrachte Kafka in und nahe bei Wien. Sein Gesundheitszustand hatte sich derart verschlechtert, dass er, der deswegen im Juli 1922 pensioniert worden war, sich zu einem Sanatoriumsaufenthalt genötigt sah. Er entschied sich für das Sanatorium Wienerwald, wo er im April 1924 eintraf. Dort verfiel er rasch, sein Vertrauen in die Medizin sank beträchtlich. Er wurde in die Laryngologische Klinik in Wien gebracht, auf Besserung war nicht zu hoffen. Bald übersiedelte er in das Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg, alle Versuche, dem Patienten Linderung oder gar Heilung zu verschaffen, schlugen fehl. Am 3. Juni verstarb Kafka, zwei Tage später wurde der Leichnam nach Prag überführt. Binder schreibt dazu lapidar: „ Der Transport der sterblichen Überreste Kafkas zum Wiener Franz-Josefs-Bahnhof war, wenn man so will, das zehnte und letzte Mal, dass er das Weichbild der ihm verhassten Stadt berührte...“

Anton Thuswaldner

Die Furche, 8. Mai 2014

 

Franz Kafka und Prag. Literarisch-biografische Interferenzen zwischen dem Prager Schriftsteller und dem kulturellen Leben der Kaiserstadt Wien.

Bei wenigen AutorInnen sind die Person, das Werk und der Charakter ihrer Heimatstadt so dicht und spannend ineinander verschränkt wie bei Franz Kafka und seiner Heimatstadt Prag. Hartmut Binder, der große Kenner des literarischen Prag, hat viel und Wesentliches in diesen Diskurs eingebracht.

Der Titel „Kafkas Wien“ scheint auf den ersten Blick, die literarischen Zirkel der Goldenen Stadt zu verlassen, in Wirklichkeit wird mit diesem realen wie geistigen Wien jedoch ein riesiger Brennspiegel errichtet, der sein Licht auf die Stadt an der Moldau mit ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Leben rund um Franz Kafka zurückwirft und aus neuer Perspektive überaus spannend beleuchtet.

Kafkas Verhältnis zum kaiserlichen Herrscherhaus findet ebenso Darstellung wie sein Verhältnis zum Wiener Theater, zu einzelnen Wiener Schriftstellern oder zur realen Stadt, wie Kafka sie bei Besuchen erlebte und schilderte. Die auf unterschiedlichsten Ebenen mit Enthusiasmus und Hinterhältigkeit ausgetragene langfährige Fehde zwischen Max Brod und Karl Kraus, in der auch Kafka verschiedene Rollen und Auftritte zukamen, wird lustvoll kriminalistisch aufgerollt. Eine besondere Gabe von Hartmut Binder darf man wohl darin erkennen, dass das Buch bei dieser gleichermaßen beeindruckenden wie beängstigenden Faktenfülle noch gut lesbar bleibt.

Der 2013 beim Prager Vitalis Verlag erschienene und umfangreiche Band auf Kunstdruckpapier ist nicht nur inhaltlich von Gewicht. Das elegante Layout, das eine enorme Fülle an Illustrationen und Fotos geschickt einbindet, sei ebenfalls positiv hervorgehoben. – Interessierten am Werk Franz Kafkas nachdrücklich empfohlen.

Reinhard Ehgartner

Bibliotheksnachrichten 4, 2014

 

Zum 90. Todestag von Franz Kafka

Ein Standardwerk der Wienliteratur

Es ist ein weißer Fleck auf der Landkarte der Kafkaforschung: des Prager Schriftstellers Beziehung zu der Hauptstadt des Kaiserreiches, dessen Untertan er war. Schon als Knabe wurde er Zeuge der Besuche Franz Josefs in seiner Heimatstadt, später sah er sich den musikalischen und literarischen Einflüssen ausgesetzt, die von der lebensfrohen, ihm jedoch verhaßten Habsburger-Residenz ausgingen. So kann es nicht verwundern, daß er nicht als Tourist nach Wien kam, sondern als Durchreisender, als Kongreßteilnehmer, als Liebender, als Schwerkranker und schließlich als Sterbender, der in einem Zinnsarg der Wiener Städtischen Bestattungsanstalt an die Moldau zurückkehren sollte.

Dieser üppig mit Bildern ausgestattete Band führt an die Stätten, die der Schriftsteller mit seiner Anwesenheit nobilitierte, benennt die von ihm geschätzten und abgelehnten Wiener Schriftsteller und Bühnenkünstler und zeigt die Ursachen seiner Wien-Aversion auf. So erhält der Leser erstmal erschöpfend Auskunft über den Rang, den die Stadt und ihre Bewohner in Kafkas Leben und Denken einnahmen.

Prager Nachrichten, Nr. 4/LXV

 

Weg von Wien

Hartmut Binders Bildband über Franz Kafkas schwierige Beziehung zur Donaumetropole

Wie jeder weiß, handelt es sich bei „Ich bin ein Berliner“ nicht um ein Kafka-Zitat. Doch könnte es eines sein. Schließlich zog es den Prager Autor zeitlebens in die deutsche Hauptstadt der Moderne – und nicht in das näherliegende Wien, der er als „absterbende(s) Riesendorf“ verspottete.

Musste er doch einmal in die Donaumetropole, etwa aus beruflichen Gründen, wollte er hinterher die Tage dort „ungeschehen“ machen, „und zwar von der Wurzel aus“. Gegenüber Grete Bloch, die vor Kriegsausbruch in Wien angestellt war, startete Kafka sogar einen regelrechten „Propagandafeldzug“ (Binder), ein ums andere Mal schrieb er ihr: „Mein letzter Rat in dieser Sache bleibt immer: Weg von Wien“ – ungeachtet des Umstands, dass sich seine Brieffreundin in Wien recht wohl fühlte.

Wie für viele kakanische Autoren stand auch für Kafka Berlin für Fortschritt und Moderne, die habsburgische Hauptstadt dagegen für rückständiges Denken, das Sich-Klammern an Traditionen und nicht zuletzt für Antisemitismus, wie der Kafka-Biograf Hartmut Binder Kafkas lebenslangen „Hass gegen Wien“ (Kafka) erklärt. Binders bilder- und aspektreiches „Portrait einer schwierigen Beziehung“ reicht vom Einsatz des Abiturienten 1901 als eine Art Jubelprager am Straßenrand, um beim Besuch des Kaisers auf dessen Weg im offenen Wagen zum Hradschin Spalier zu stehen, bis zum qualvollen Sterben des Autors in einem Sanatorium in Kierling bei Wien.

Das Ergebnis ist ein weiterer voluminöser Prachtband, mit seiner Materialfülle schier überwältigender Prachtband, mit dem der Doyen der Kafka-Forschung seine Bände „Mit Kafka in den Süden“ (2007) und „Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern“ (2008) fortsetzt.

Dabei zerstört Binders positivistische Beharrlichkeit einmal mehr die Phantasien jüngerer Kafka-Forscher. So zeigt sein Blick ins Kursbuch der kakanischen Eisenbahn, dass die in neueren Biografien zu findende Behauptung, Kafka hätte vom 14. auf den 15. August 1920 in Gmünd mit Milena Jesenská eine gemeinsame Nacht verbracht, schlichtweg unmöglich ist.

Dr. Oliver Pfohlmann

Straubinger Tagblatt

 

Ein Prager auf der Reise nach Wien

Kafka im Kabarett, in der Korrespondenz mit Karl Kraus und beim Zionistenkongress: Hartmut Binders Band „Kafkas Wien“ ist ein Meisterstück positivistischer Kafka-Forschung aus den Quellen.

Niemand hat über Kafka seit langem so erkenntnisfördernd publiziert wie Hartmut Binder. Die Zahl der Bücher, die er diesem Autor gewidmet hat, ist Legion. Im letzten Jahrzehnt liegt ihr spezifischer Reiz in einer ausführlichen Erforschung des überlieferten Bildmaterials, kombiniert mit detektivischer biographischer Spurensuche. Wahrscheinlich gibt es keinen Händler antiquarischer Postkarten und anderer profaner Archivalien in Europa, mit dem Binder nicht auch persönlich bekannt ist, und wer einmal in seinem Haus in Ditzingen einen Blick in das von Dokumenten und Zeugnissen aller Art überquellende Archiv nehmen konnte, weiß, dass dort, in der schwäbischen Provinz, die positivistische Kafka-Forschung eines ihrer Zentren hat. Den Vergleich mit staatlichen Literaturarchiven braucht es im Kafka-Horizont nicht zu scheuen.

Nach den staunenswürdigen Bildbänden „Kafka und Paris“ (1999) und „Mit Kafka in den Süden. Eine historische Bilderreise in die Schweiz und zu den oberitalienischer Seen“ (2007) hat Hartmut Binder mit dem auf typographische Akkuratesse und vorzügliche Abbildungsqualität setzenden Prager Vitalis-Verlag nun einen weiteren imposanten Bildband mit Großstandbezug vorlegt: „Kafkas Wien“. Ein bibliophiles Schmuckstück mit sehr vielen hochwertigen Farbabbildungen.

Der Genitiv „Kafkas Wien“ kaschiert ein Problem. Obwohl Kafka nicht selten Wien besucht hat, waren die Aufenthalte in der Regel kurz, manchmal nur Stationen auf der Durchreise. Und seine an spezifischer Genauigkeit kaum zu übertreffenden Beobachtungen und die Notizen, die aus ihnen folgten, sind für Wien bei weitem nicht so ausführlich wie etwa die Aufzeichnungen, die sich über die Paris-Reisen und die Schweiz- und Italien-Exkursionen erhalten haben. Binder hau aus dieser Not eine Tugend gemacht und in dem Band nicht nur über Kafka in Wien geschrieben, sondern auch ausgiebig in entgegengesetzter Fragerichtung, und das heißt über die geistige und politisch-materielle Präsenz Wiens in Prag.

Manches lässt sich in seiner Einwirkung auf Kafka schwer einschätzen, etwa die Bedeutung der Kaiserbesuche 1891 und 1901 (die Bilder, die Binder zutage gefördert hat, sind gleichwohl eine Augenlust); anderes ist genauer fassbar, so der Einfluss der Wiener Schriftsteller und Dichter. Die eminente literarisch-biographische Nähe zu Grillparzer (Kafka wird spät noch Milena Jesenská ein Exemplar des „Armen Spielmann“ schenken), die vertrackte Lektüre Adalbert Stifters, die reflektierte Stellung zu Karl Kraus, der mit Kafkas Freund Max Brod in einer scharfen publizistischen Dauerfehde lag – sie sind noch nie so einlässlich beschrieben und analysiert worden wie in diesem Band. Und Binders Recherchen bieten immer wieder Überraschendes. So geht aus seiner Musterung des Kraus-Nachlasses hervor, dass es eine bislang übersehene indirekte Korrespondenz zwischen Kraus und Kafka gegeben hat. Über einen Zwischenträger – den als Lyriker hervorgetretenen Franz Janowitz – erhielt Kraus mindestens zwei Schreiben Kafkas, die er durchaus las, dann aber über Janowitz bescheiden ließ, der Meister empfange keine Briefe Kafkas. Man sieht: Karl Kraus ist so kurios wie die um seinen Nachlass nicht ganz so bemühte Kraus-Forschung.

Bei manchen aufschlussreichen Abschnitten kann man Binder dabei zusehen, wie das von ihm gefundene Bildmaterial ihn auch dazu verlockt (ein Kafkasches Thema), den Rahmen seines Themas nicht allzu restriktiv auszulegen. Das Kapitel über Kafka „Im Kabarett“ zeigt – manche in Erstreproduktionen – Bilder von Chansonetten (Fatinizza) und Tänzerinnen (Grete Wiesenthal beim Tanzen des Frühlingsstimmenwalzers von Johann Strauss, Gusti Odys beim Schleiertanz), die in Prag auftraten, aber nur mit Wohlwollen dem Thema „Kafkas Wien“ zugeordnet werden können. Aber man freut sich gleichwohl mit Binder, dass dank seiner Sammelwut und Findigkeit endlich die Gesichter jener Frauen erkennbar werden, die Kafka beeindruckt haben.

Das Zentrum des Bandes bildet eine akribische Darstellung jener halb beruflichen, halb privaten Wien-Reise vom 6. bis zum 13. September 1913, die ihn zum II. Internationalen Kongress für Unfallversicherung und Rettungswesen führte und zugleich auf den Zionistenkonress im Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes. Binder rekonstruiert geduldig und detailliert die Kafkaschen Wege, seine Zeitpläne, wertet die erhaltenen Sitzungsprotokolle aus und beschreibt dabei präzise die Halbdistanz, die Kafkas eigentümliche Stellung zu beiden Tagungen charakterisiert. Ein Meisterstück positivistischer Kafka-Forschung aus den Quellen.

Sind Felice Bauer und Dora Diamant im kollektiven Gedächtnis der Kafka-Forschung mit Berlin assoziiert, so Wien mit Milena Jesenská. Ihrer Beziehung zu Kafka, ihren gemeinsamen Wegen und den Orten ihrer Zusammenkünfte hat Binder die letzten siebzig Seiten seiner Studie gewidmet, auch hier begleitet von brillanten, oft erstmals im Kafka-Kontext zu sehenden Abbildungen von Orten und Personen. Das Siechtum in Kierling kommt nur kurz zur Sprache und zu Bild.

Folgt man der Logik der Produktion, ist der Band zu Kafka in Berlin bereits vorgezeichnet, und wir dürfen uns wieder auf jene ausgeklügelte Balance von Bild und Wort freuen, die Binders Publikationen im letzten Jahrzehnt vor allen anderen auszeichnen. Vorerst ist dem vorliegenden Wien-Band die Aufmerksamkeit möglichst vieler Leser zu wünschen. Es gibt in diesem Genre nichts Vergleichbares.

Roland Reuss

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Januar 2015

 

Fünf Jahre nach Kafkas Welt (vgl. Rezension in Stifter Jahrbuch 23/2009), einem Werk, das in inhaltlicher Fülle und Opulenz der Ausstattung seinem umfassenden Titel voll und ganz gerecht wird, schließt einer der renommiertesten Kafka-Kenner unserer Tage mit diesem „Portrait“ eine bisher empfindlich wahrgenommene Lücke. Kafka und Prag – der Literaturbewanderte weiß darüber aus dem Effeff zu berichten. Doch wem fällt zu Wien auf Anhieb mehr ein, als daß die Sanatorien, in denen sich der kranke und schließlich sterbende Schriftsteller aufhielt, im näheren Umfeld der Reichshauptstadt liegen?

Mit der ihm eigenen und so bewundernswerten Akribie hat Hartmut Binder Details zusammengetragen und Bezüge hergestellt, die den wissenschaftlich Interessierten, den Liebhaber des k. u. k. Mikrokosmos und den Neueinsteiger gleichermaßen auf ihre Kosten kommen lassen. Entstanden ist dabei weniger ein Städtebuch als ein Panoptikum politischer und literarischer Ereignisse, die mit den Besuchen des Kaisers Franz Joseph in Prag beginnen und mit Kafkas Aufenthalten in Wien zu Kongressen und Autorenlesungen (VII) sowie als Liebender (X-XI) beziehungsweise Kranker (XII) enden. Sicher wird man das – buchstäblich sehr gewichte – Buch kaum in einem Zug durchlesen, doch die zahlreichen, mehrheitlich erfrischend unbekannten Fotografien sowie die Einteilung in zwölf Großkapitel ermöglichen ein Schmökern im besten Sinne.

Für Kafkas Jugend – und Schulzeit ist besonders die Auswertung der damals eingesetzten Unterrichtswerke in Deutsch, Geschichte und Geographie erhellend; zeigt sich doch, welche (patriotischen) Vorstellungen und Ideale in den Schülern geweckt werden sollten. Glaubhaft kann Binder so nachweisen, daß hieraus Kafkas spätere „Vorliebe für militärische Bilder und Kampfmetaphern“ (S. 19) ihren Ursprung hat. Die Kapitel über Volkstheater (III) und Kabarett (IV) gewähren einen umfassenden Einblick in das jeweilige Genre, an dem sich Kafka eigenen Aussagen zufolge immer wieder ergötzte und aus dem er nicht wenige Anregungen zog. Den Mittelpunkt der Darstellung nimmt das fast hundertseitige Kapitel „Schriftsteller“ (V) ein, das erfreulicherweise nicht nur die Auseinandersetzung mit mehr oder weniger begabten Zeitgenossen, sondern auch das ambivalente Verhältnis zu österreichischen Klassikern wie Grillparzer, dem sich Kafka in seiner Junggesellenproblematik biographisch-psychologisch verwandt fühlte, und Stifter beleuchtet. Besonders detailreich wird „der Fall Karl Kraus“ (VI) im Zusammenhang mit Kafkas Faszination für Die Fackel ausgeführt. Warum dies – zumindest zu Lebzeiten des Dichters – eine einseitige Beziehung blieb, begründet Binder mit Kraus‘ Desinteresse für Erzählliteratur.

Dem Liebhaber der Literaturtopographie haben es sicher die diversen Auszüge aus dem historischen Wiener Stadtplan, die um eine entsprechende, mit Kafka in Beziehung stehende Legende erweitert wurden (S. 244 f.; 338 f.; 364 f.), sehr angetan, laden sie doch zur heutzutage so gern unternommenen Spurensuche ein. Ein wienkritischen Kapitel, das sich nicht von ungefähr auch mit spezifischen „Wiener Judenhaß“ (S. 299) beschäftigt, verbirgt sich hinter dem sprechenden, von Raoul Aurnheimer stammenden Titel „Grabplattenbewunderer“ (VIII). Binder geht hier Kafkas Vorbehalten gegen eine übersteigerte Autoreferenzialität der Wiener, ja der Österreicher insgesamt nach, die sich besonders in den Jahren des Ersten Weltkrieges bis zur Ablehnung verstärken, und resümiert: „Kafka wollte nicht mehr zu denen gehören, die wie es in der Volkshymne hieß, mit vereinter Kräfte Walten den Bestand der Monarchie sicherten“ (S. 309; Hervorhebung im Original). Unter der Überschrift „Nach Ungarn“ (IX) findet sich die Dokumentation zweier Reisen, die Kafka einmal mit seiner Schwester Elli zu deren an der Front stehendem Mann sowie mit Felice Bauer zu deren Verwandten in Budapest unternommen hat. Immer mußte dabei Wien zumindest gestreift werden. Dieses stärker biographisch geprägte Kapitel leitet über zur Schilderung von Kafkas Freundschaft mit Milena Pollak-Jesenská, deren ehelicher Wohnsitz Wien war. Das Schlüsselerlebnis, der gemeinsame Ausflug in den Wienerwald am 1. Juli 1920, nimmt dabei den größten Raum ein und offenbart in seiner fast lückenlosen Rekonstruktion von der Straßenbahnfahrt über die Wahl des Waldweges Binders Ehrgeiz zur Verdichtung und Vergegenwärtigung zentraler Ereignisse. Bei aller Genauigkeit – der Anmerkungsapparat genügt immer wissenschaftlichem Anspruch – wird so fast romanhafte Spannung erzeugt.

Im wahrsten Sinne von der Wiege, das heißt in diesem Fall von der dem Herrscherhaus huldigenden Namensgebung, bis zur Bahre reicht die Dokumentation. So wird der, der in Prag das Licht der Welt erblickte, schließlich wieder dorthin überführt: Nach Kafkas Tod im Sanatorium Kierling bringt man den Metallsarg mit seinem Leichnam zum Wiener Franz-Josefs-Bahnhof, um ihn von dort mit dem Zug in seine Heimatstadt zu transportieren.

Theresia Wittemann, OSF

Stifter Jahrbuch, Neue Folge 29 (2015)