Mit Kafka in den Süden
Mit Kafka in den Süden

Mit Kafka in den Süden

Eine historische Bilderreise in die Schweiz und zu den oberitalienischen Seen
Durchgehend farbig bebildert
  • 23 x 30 cm, 480 Seiten
  • Halbleinen, Fadenheftung, Lesebändchen
  • ISBN 978-3-89919-058-8
  • Auf Lager
Erhältlich in
€ 79,90 (D)€ 82,30 (Ö)

Der opulente Bildband dokumentiert erstmals zusammenhängend die Reisen Kafkas in die Schweiz und nach Italien, die vor allem der Beobachtung fremden Alltagslebens galten, aber auch literarische Implikationen hatten, besonders im Blick auf den Roman Der Verschollene und den um den Jäger Gracchus kreisenden Erzählkomplex. Die Verwendung bisher unbekannter Veröffentlichungen Max Brods, der Kafka zweimal in den Süden begleitete, sowie die Einbeziehung zeitgeschichtlicher Quellen, insbesondere von Reiseliteratur und Fahrplänen, erlaubten eine minutiöse Rekonstruktion der Reiserouten sowie die Identifizierung und Lokalisierung der Monumente, Ereignisse und Örtlichkeiten, die in den spärlichen Reiseaufzeichnungen der Freunde zwar erwähnt, aber nicht benannt oder beschrieben werden. Die 473, teilweise farbig und großformatig wiedergegebenen, größtenteils völlig unbekannten historischen Abbildungen, Ergebnis langjähriger Recherchen, flankieren die Rekonstruktion der Urlaubserfahrungen Kafkas in chronologisch angelegten Bildsequenzen und vergegenwärtigen sie so vor dem Auge des Betrachters.

Inhalt Inhalt

♦ Vorwort
♦ Erster Teil: Riva am Gardasee

♦ Unter der Rocchetta
♦ Der Flugtag in Montichiari
♦ Im Sanatorium Dr. von Hartungen
♦ Der Jäger Gracchus

♦ Zweiter Teil: Mit Bahn und Schiff nach Italien

♦ Die Quellen
♦ Die erste lange Eisenbahnfahrt
♦ Durch Zürich
♦ Ein Abend in Luzern
♦ Über die Rigi nach Flüelen
♦ Auf der Gotthardbahn
♦ Am Luganer See
♦ Zur Villa Carlotta
♦ In Mailand
♦ Erholung in Stresa

♦ Anhang
♦ Anmerkungen
♦ Abkürzungsverzeichnis
♦ Bildnachweise
♦ Namensregister
♦ Ortsregister

Pressestimmen Pressestimmen

Hartmut Binder 
Mit Kafka in den Süden

Unverantwortlich, ohne Notizen zu reisen 

Franz Kafka und Max Brod sind die eigentlichen Erfinder von Anleitungen zum kostengünstigen Reisen. Hartmut Binder begleitet sie dabei als Bildreporter.

Im März 1911 veröffentlichte Max Brod in der "Frankfurter Zeitung" ein Feuilleton mit dem Titel "Der Wert der Reiseeindrücke". Darin unterscheidet er zwei Typen von Touristen - die einen zählen bloß alle Sehenswürdigkeiten auf und sind "mit ihrer Ansicht schnell im reinen"; die anderen schweifen von Detail zu Detail und glauben nicht daran, dass man jemals "einen Extrakt des bereisten Landes zu sehen und zu studieren bekommt". Zur zweiten Gruppe zählte sich Brod mit seinem Freund Franz Kafka, den er im September 1909 nach Riva am Gardasee und im August und September 1911 an den Vierwaldstätter See, nach Lugano, Mailand und Stresa am Lago Maggiore begleitete.

Beide führten darüber Tagebuch, um hinterher ihre unterschiedlichen Beobachtungen der gleichen Orte und Ereignisse miteinander zu vergleichen. Kafka war davon überzeugt, es sei "unverantwortlich, ohne Notizen zu reisen", und er fügte hinzu: "Was nicht aufgeschrieben ist, flimmert einem vor den Augen." Beide Methoden, die des Bildes und die der Schrift, führt jetzt der unermüdliche Kafka-Forscher Hartmut Binder in einem opulent ausgestatteten Band zusammen. Die bislang völlig unzureichend erläuterten Reisetagebücher Kafkas erhalten so einen auf annähernd fünfhundert Fotos und Handzeichnungen basierenden minutiösen Kommentar. So korrigiert Binder durch Bildvergleiche bestehende Zuschreibungen, selbst von Brods eigenen Aufnahmen. Oder er rekonstruiert anhand von Zug- und Schiffsfahrplänen, von Reiseführern und Stadtkarten, von Zeitungsartikeln und Werbeprospekten jeden Schritt.

Hier ist ein gründlicher Literaturdetektiv am Werke, der jede Abfahrtszeit und jeden Eintrittspreis kennt, Kafka und Brod mit gleicher Selbstverständlichkeit in ein alkoholfreies Restaurant in Zürich, zum Nacktbaden am Gardasee oder ins legendäre Bordell "Al vero Eden" in Mailand begleitet. Der erste Teil des Bandes gilt den Reisen nach Riva del Garda und Umgebung. 1909 fährt Kafka mit den Brüdern Max und Otto Brod, 1913 nochmals allein an den Gardasee. Das Hafenensemble in Riva bestimmt später die Szenerie in der Erzählung "Der Jäger Gracchus" von 1917. Binder findet für jede Erwähnung das passende Vorbild - für die Kaimauer, den Brunnen, das Denkmal, die Kneipe, den Glockenturm, selbst das Schönbrunner Gelb des Palazzo del Comune oder die gelbbraunen Segeltücher rückt er aus dem Text ins Bild. Sicher will er damit nicht die seltsame Geschichte vom tot herumirrenden Jäger entzaubern, der dem Bürgermeister von Riva am Ende erklärt, er fahre "mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst". Doch kühn spekulierenden Lesern, die überall kafkaeske Szenerien wittern, scheint er entgegenhalten zu wollen, dass es in Kafkas rätselhaften Werken noch immer konkrete Wirklichkeitssplitter zu entdecken gilt.

Literarische Bezüge bleiben dabei nicht auf Kafkas Werke beschränkt. Während des Kuraufenthalts 1913 besucht er auf den Spuren Goethes Malcésine, wo der Dichter 1786 durch das Abzeichnen der Scaligerburg unter Spionageverdacht geraten war. Und für Kafkas Wahl des Sanatoriums Dr. von Hartungen in Riva dürfte eine Rolle gespielt haben, dass Thomas Mann hier 1901 Gast gewesen war. Er wusste das durch Otto Brod, zudem besaß er Thomas Manns Erzählung "Tristan" von 1902, die den Schauplatz als Sanatorium "Einfried" mit seinen "Laubengängen und kleinen Pavillons" variiert. An Skurrilität kann es die von Kafka vorgefundene Gesellschaft im Sanatorium Hartungen mit den Patienten um den "verwesten Säugling" Detlev Spinell in Thomas Manns Novelle zwar nicht ganz aufnehmen; doch auch hier ist einiges los. Kafka ist hinter einer "kleinen Schweizerin" her, am Tisch gefällt er sich in völliger Schweigsamkeit, der ebenfalls wortkarge General neben ihm erschießt sich ein paar Tage später in seinem Zimmer.

Einen Höhepunkt der ersten Italien-Reise bildet der Ausflug per Schiff und Zug nach Brescia, wo im September 1909 eine internationale Flugschau stattfand. Hier traten die Pioniere der Luftfahrt an, allen voran der Kanalflieger Louis Blériot und sein Landsmann Henri Rougier, der an jenem Besuchstag einen Höhenrekord von 116 Metern aufstellte. Daneben waren der Amerikaner Glenn Curtiss (mit seinem über den St. Gotthard transportierten Doppeldecker) und die Italiener Alessandro Anzani und Mario Calderara zu bewundern. Im vornehmen Publikum tummelten sich auch Giacomo Puccini und Gabriele d'Annunzio, der sogar einmal mitfliegen durfte. Binder wird nicht müde, den genauen Standort Kafkas und der Brods zwischen der Ehrentribüne und den billigeren Sitz- und Stehplätzen auszumachen, die Angebote im Restaurant und am Getränkestand zu inspizieren, die Signalflaggen und die unterschiedlichen Fluggeräte zu erklären, jeden der oft nur hüpfenden Flugversuche genau zu kommentieren.

Wichtiger ist die "Idee eines sportlichen Zweikampfs" zwischen Brod und Kafka. Sie wollten ihre Beobachtungen und Aperçus unabhängig voneinander zu Papier bringen und als Feuilletons publizieren, nicht zuletzt, um das hohe Eintrittsgeld zu kompensieren. Kafkas "Die Aeroplane in Brescia" erschien in der Prager Zeitung "Bohemia", Brods Beitrag hingegen in der Halbmonatsschrift "März". Binders erhellende Vergleiche beider Perspektiven bestätigen Kafkas Aufmerksamkeit für das weniger Augenscheinliche, für "Beobachtungen, die er selbst für unwesentlich hält". Oft zielt sein Blick auf die Physiognomien im Publikum, etwa Puccinis "Trinkernase", verweilt lange bei einem versagenden Motor, der wie ein Schüler vor der Klasse immer wieder steckenbleibt, oder sympathisiert mit den kühnen "Aviatikern", die "in einem Holzgestell verfangen" eine "unsichtbare Gefahr" auf sich nehmen.

Aus den Paralleltagebüchern der zweiten Italien-Reise wollten Kafka und Brod unter den Figurennamen Richard und Samuel auch öffentlich berichten. Davon ist 1912 aber nur das Kapitel "Die erste lange Eisenbahnfahrt" erschienen. Wieder bewähren sich beide als Angehörige jener zweiten von Brod charakterisierten Art zu reisen, nicht als Baedeker-Touristen also, sondern als weltoffen beobachtende Schriftsteller. Auf dem Weg von München über Zürich und Luzern nach Lugano zeichnet sie der wache Blick für kulturelle Differenzen aus, sie heben Unterschiede in der Kleidung, den Speisen, den Verhaltensweisen hervor, Auge und Ohr registrieren überall fremde Gebärden und Sprachen. Brod versucht sich gar mit einigen Gedichten, und Kafka studiert mit besonderer Aufmerksamkeit Gesichter von Mitreisenden. Im Zug nach Mailand fasziniert ihn etwa eine jüdisch wirkende junge Italienerin, deren Ausdruck "sich im Profil ins Unjüdische verschiebt", wenngleich ihre Nase "jüdischer gebogen" ist als die scharf gekrümmte ihres Vaters.

Eine Idee verdient noch eine besondere Hervorhebung. Kafka und Brod, die stets mit recht begrenztem Budget unterwegs waren, sind die eigentlichen Erfinder von Anleitungen zum kostengünstigen Reisen. "Billig" sollten sie heißen und alle aus finanziellen Gründen Daheimgebliebenen über ihren Irrtum aufklären. Im teuren Lugano, konzipiert auf Briefpapier des "Hotels Belvedere", versprachen sich die Freunde von dieser "epochemachenden Erfindung" einen Ausweg aus allen Sorgen. "Es war ein Einfall, so Brod, "der uns zu Millionären machen und vor allem der scheußlichen Amtsarbeit entreißen sollte". Freilich blieb es beim spielerischen Gedanken, den andere dann später zu Geld machten – zum Glück natürlich, so will man meinen, denn die deutsche Literaturgeschichte wäre sonst bedeutend ärmer geblieben.

Alexander Kosenina, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2008