Kulturgeschichte Österreichs
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Pippis österreichische Schwester

Pippi Langstrumpf ist den Lesern auf der ganzen Welt wohlbekannt – aber wie steht es mit Vevi, die in ihrer kleinen großen Welt allerhand kuriose Dinge erlebt? Erica Lilleggs gleichnamiger Roman, der 1955 erstmals erschien, wurde in Österreich anfangs nur wenig beachtet. Inzwischen jedoch hat er längst ein Anrecht auf einen Platz im Kanon österreichischer Kinderbücher.

Vevi wächst ohne ihre Eltern auf, sie flüchtet sich in eine Traumwelt, in der Realität und ihre Fantasie verschwimmen: sie fliegt auf einer Kugel durch die Lüfte, begegnet einem Wurzelmädchen, lässt sich von einem Stern den Weg leuchten und pflegt stets die besten Beziehungen zu allerhand Tieren.

Erica Lillegg (1907–1988), die in Wien Germanistik studierte und unter anderem als Journalistin tätig war, gilt heute als Wegbereiterin fantastischer Kinderliteratur im deutschsprachigen Raum. Mit Vevi erschuf die in Graz Geborene „eine außergewöhnliche Erzählung über eine Persönlichkeitsspaltung, rätselhaft, aufregend, sogar tiefgründig“, wie in der Encyclopaedia Britannica zu lesen ist. Würden sie einander begegnen – Vevi und Pippi hätten sich gewiss viel zu erzählen. 

Es hat sich ereignet …, dass ein Stern zu mir ins Zimmer gekommen ist. Auf einem Mondstrahl ist er direkt an mein Bett gerutscht … und wie er dagestanden ist, hat er gesagt: „Steh auf, wir gehen spazieren!“ – so wie der Stern von Bethlehem zu den Hirten, nur nicht so feierlich. Und ich bin aufgestanden, und wir sind gegangen, und der Stern hat geleuchtet, und wir haben alles gesehen. Wenn man einen Stern hat, braucht man keine Taschenlampe, das ist praktisch.

Erica Lillegg, Vevi (1955)

Wenn ich eine Waise bin, bin ich eine Waise. Wenn ich eine Doppelwaise bin, müsste ich zwei Waisen sein, nicht? 

Erica Lillegg, Vevi (1955)