Kulturgeschichte Österreichs
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Adalbert Stifter – Das sanfte Gesetz Wiens

Nicht der zornige Blitz, nicht der scharfe Hagelschlag, nicht das Aufrührende, Umstürzende und Tobende versetzte Adalbert Stifter (1805–1868) ins tiefste Staunen, wenn er die Natur beobachtete, sondern das scheinbar ganz Normale, das Kleine war ihm das größte, anbetungswürdigste Wunder: das Rauschen der Föhren und Wiegen der Ähren, der Flug der Vögel und das milde Spiel der Farben auf einer Nachsommerlandschaft. Das „sanfte Gesetz“ der Natur zu fassen, sein Wirken und seinen Zauber in der Kunst sichtbar zu machen stand im Mittelpunkt des Schaffens des gebürtigen Böhmen. Doch nicht nur in den Landschaften Böhmens und Österreichs fand Stifters geübtes Auge die feinen Stillleben und Tableaus, die er mit ruhiger Hand etwa zu seinen Studien (1844–1850) oder den Bunten Steinen (1853) fügte. Auch in der lärmenden Fixigkeit Wiens, wo er unter anderem als Lehrer tätig war, vermochte er unbeirrt das stets gleich und sanft Waltende zu erkennen. Und auch nicht nur auf dem Schreibpapier hielt er es fest, sondern auch auf der Leinwand – der Blick über die Vorstadthäuser (1839) ist eines der bedeutenden Bildkunstwerke, die der vielseitig Begabte schuf.

Auch wenn über seinem von unglücklicher Liebe, Armut und Krankheit bestimmten Leben ein raueres Gesetz obwaltete – den stillen Herzschlag Wiens hat Stifter vernommen und festgehalten wie kaum ein Zweiter.

Der Künstler hat jenes Ding in seiner Seele, das alle fühlenden Menschen in ihrer Tiefe ergreift, das alle entzückt, und das keiner nennen kann. 

Adalbert Stifter an August Piepenhagen (1859)