Zur Geschichte der Medizin
Aus dem Weltreich der Heilkunst und Pharmazie
Eine digitale Galerie

Siegfried Löwy

1. 11. 1857 - 8. 5. 1931

Als Kafka 1916, vor genau einhundert Jahren, in dem winzigen und kalten Häuschen im Goldenen Gäßchen auf der Prager Burg eine Erzählung mit dem Titel Der Landarzt zu Papier brachte, hatte er ein sehr reales Vorbild im Kopf. Kafkas Lieblingsonkel, der Bruder seiner Mutter, war solch ein Landarzt: Fast 25 Jahre führte er seine Ordination gewissenhaft in Triesch, einem kleinen mährischen Landstädtchen mit einiger Industrie und vielen Ackerbürgern. Im Jahr 1924 setzte er sich zur Ruhe, blieb noch bis 1936 in Triesch, dann zog er nach Prag. Wie weiter, läßt sich denken: Schikanen, ein Leben in Angst. Schließlich die drohende Deportation nach Theresienstadt, anno 1942. Löwy ahnte, was ihm da blühte, er kam den Anordnungen zuvor und machte Schluß.

Er war wohl ein merkwürdiger Genosse, dieser Junggeselle des Jahrgangs 1867. Ein wenig verschroben, doch seinem Neffen Franz Kafka zugetan. Nach dessen Reifeprüfung war er mit auf große Fahrt gekommen, nach Norderney und Helgoland. Kafka hatte als Studio manchen Sommertag in Triesch verbracht, war mit dem Motorrad des Onkels durch den mährischen Sommer geknattert und trieb sich mit den Dorfmädchen herum. Ohne Zweifel war der Onkel interessanter als der humorlose, immer vom Geschäft dröhnende Vater. Nein Onkel Siegfrieds Wesen war nicht der Kafka-, sondern der Löwyfond, er hatte das Blut nach der mütterlichen Linie.

Jetzt also war Krieg und Prag hungerte und fror. Im Gäßchen war es warm, Schwester Ottla hat den kleinen Kanonenofen eingeheizt. Da erinnert sich Kafka wohl gern an den Onkel, langsam führte er die Feder über das Papier: „Ich war in Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe...“ Was er sich dabei gedacht hat? Das wissen wir nicht in Ansätzen. Aber Kafka, das immerhin mag gelten, errichtete dem unbekannten Landarzt mit seiner Erzählung ein edles Denkmal. Wir meinen zu wissen – es war Onkel Siegfried, den er vor Augen hatte.