Gustav Schwab

1792–1850

Gustav Schwab, geboren am 19. Juni 1792 zu Stuttgart, studierte Theologie und Philosophie zu Tübingen, war Professor in Stuttgart, 1837 Pfarrer in Gemmingen, dann Pfarrer in Stuttgart und starb als Oberstudien- und Konsistorialrat am 3. November 1850. – Gleich Justinus Kerner hat er die Klänge der Legende wieder auferstehen lassen. Außerdem hat Schwab als einer der ersten den Ton einer ernst sinnenden Poesie angeschlagen, die nachher von vielen mit sehr verschiedenem Talent kultiviert worden ist. Von seinen Liedern ist das treffliche „Bemooster Bursche zieh ich aus“ am lebendigsten. Vorzügliches hat er auf dem Gebiet der Ballade geleistet, etwa in dem prächtigen Gedicht Das Gewitter, vielleicht seine schönste Schöpfung. Auch im Reiter und der Bodensee zeigt sich dieselbe knappe und packende, immer volkstümliche Darstellung. Seine Schönsten Sagen des klassischen Altertums, die Deutschen Volksbücher und das Buch der schönsten Sagen und Geschichten waren lange Zeit Hausbücher in vielen deutschen Bücherschränken.

 

Gustav Schwab

Das Gewitter

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl –
Wie wehen die Lüfte so schwül! 

Das Kind spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt? 

Die Mutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Da halten wir alle fröhlich Gelag‘,
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!« –
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Großmutter hat keinen Feiertag.
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg‘ und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er sollt‘!«
Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: »Morgen ist’s Feiertag!
Am liebsten morgen ich sterben mag:
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
Was tu‘ ich noch auf der Welt?« –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind,
Vier Leben endet ein Schlag
Und morgen ist’s Feiertag.

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