Kulturgeschichte Österreichs
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Kronprinz Rudolf – Zwei Seiten eines Mysteriums

Es herrscht kein Mangel an Szenen pittoresker Tragik im Hause Habsburg. Das Schicksal des Kronprinzen Rudolf (1858–1889) jedoch ist ein besonders dunkles, rätselhaftes Stück aus dem reichen Mythenerbe des Herrschergeschlechts. In seinem Mittelpunkt stehen zwei Schüsse im abgeschiedenen Schloss Mayerling in der Nacht des 30. Januar 1889: Mit dem ersten streckte Rudolf, Sohn und natürlicher Thronfolger Kaiser Franz Josephs, ein sensibler, schöner Mann von hoher Intelligenz, reicher Fantasie und feinem Geist, zugleich aber auch ein wüster Bordellgänger, Trinker, Morphinist und Syphilitiker, die 17-jährige Baronesse Mary von Vetsera nieder. Die zweite Kugel richtete er, Stunden später, gegen die eigene Schläfe.

Das eiserne Schweigen des Hofes um die Begleitumstände wurde bald vom dichten Rankenwerk der Spekulationen überwuchert. Die Geschichte des österreichischen Schrifttums verzeichnet den Kronprinzen aber nicht nur als hartnäckig wiederkehrenden Stoff. Weniger dauerhaft, weniger populär, jedoch oft verdienstvoller als die Autoren seiner Legende war sein eigenes literarisches und wissenschaftliches Schaffen: Als anerkannter Ornithologe, als Verfasser der österreichischen Enzyklopädie, vor allem aber als „Julius Felix“. Hinter dem Pseudonym, mit dem in der Presse zahlreiche ebenso hellsichtige wie regierungskritische Abhandlungen und Denkschriften unterzeichnet waren, verbarg sich niemand anderes als der Sohn des Kaisers.