Kulturgeschichte Österreichs
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Reise über schlechten Grund – Franz Kafka in Wien

Nein, besonders gemocht hat er Wien nicht. Die Heimat Franz Kafkas (1883–1924) war Prag – und er müsste die Stadt niederbrennen, wollte er sich ihrem dunklen Bann entreißen, hatte er seinem Jugendfreund Oskar Pollak einmal anvertraut. Wohl vier Mal war der schmalschultrige Jurist, dessen Werk seine gewaltigen Schatten bis in die Gegenwart wirft, in der Donaustadt. Ein guter Stern leuchtete ihm dabei nicht. Nur einmal, da war er längst schon krank und gezeichnet, eilte er voller Freude aus Meran herbei: Aus dem Briefwechsel mit der in Wien lebenden Tschechin Milena Jesenská war eine heftige Liebschaft erblüht, wie im Rausch durchlebten die beiden Ende Juli 1920 vier unbeschwerte Tage. Es sollten die einzigen bleiben. Die Beziehung zu der verheirateten Journalistin war eine verzweifelte, eigentlich von vornherein aussichtslose. Im April 1924 kam es zu einem letzten, traurigen Wiedersehen Kafkas mit Wien. Inzwischen hatte das Tuberkuloseleiden auch seinen Kehlkopf erfasst und der Prager Dichter suchte Rettung bei Wiener Spezialisten. Von Ärzten und seiner letzten Liebe Dora Diamant umsorgt verstarb er jedoch am 3. Juni 1924 im Sanatorium Dr. Hoffmann in Kierling unweit von Wien. Von dort wurde der Leichnam nach Prag überführt – in einem verlöteten Metallsarg. Nicht einmal ein Brand könnte der Stadt ihren Sohn entreißen. 

Du bist für mich keine Frau, bist ein Mädchen, wie ich kein Mädchenhafteres gesehen habe, ich werde Dir ja die Hand nicht zu reichen wagen, Mädchen, die schmutzige, zuckende, krallige, fahrige, unsichere, heiß-kalte Hand.

Franz Kafka in einem Brief an Milena Jesenská vom 12. Juni 1920