BergersDorf
BergersDorf

BergersDorf

Mit Bildbeilagen
  • 13 x 21 cm, 352 Seiten
  • Deckenband, Fadenheftung, Schutzumschlag, Lesebändchen
  • ISBN 978-3-89919-028-1
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€ 19,90 (D)€ 20,50 (Ö)

Auf der Grundlage von intensiven Quellenstudien und Gesprächen mit Zeitzeugen verfasste die 1944 nahe Pirmasens geborene Autorin diesen dokumentarischen Roman über Verführung, Verstrickung und Vertreibung eines ganzen Dorfes: 15. März 1939. Hitlers Wehrmacht marschiert in die „Rest-Tschechei“ ein. Im Landkreis Iglau, einer deutschen Sprachinsel auf dem Böhmisch-Mährischen Höhenzug, feiern die Deutschen den Einmarsch als Befreiung. Nach einem vereitelten Attentat auf Hitler kommt es zu Verhaftungen, die Synagoge brennt. Unweit von der Kreisstadt, im deutschen Bauernort Bergersdorf, verhaftet die Gestapo den tschechischen Müller. Der Chef des SS-Hauptamtes, Gottlob Berger, kommt aus Berlin zu Besuch und erklärt „sein“ Bergersdorf zu einem SS-Dorf. Der Weg in die Katastrophe beginnt...

„Betroffenheit lag auf den Gesichtern. Der Bürgermeister war entsetzt gewesen, nachdem er von dem Anschlag auf Heydrich erfahren hatte. ,Wie kann man nur auf Heydrich ein Attentat verüben!‘ war seine erste Reaktion. ,Das wird schlimme Folgen für die Tschechen haben!‘ hatte er vorausschauend gesagt. ‚Es wird auch Unschuldige treffen und die Gräben zwischen uns noch mehr vertiefen!‘“

Inhalt Inhalt

Wie aus Bergersdorf „BergersDorf“ wurde

Ein Werkstättenbericht der Autorin Herma Kennel


Als ich 1996 Recherchen zu meinem Buch „BergersDorf“

aufnahm, ahnte ich nicht, auf was ich mich eingelassen hatte, und welche Folgen die Veröffentlichung dieses Buches haben würde. Ich entdeckte ein „SS-Dorf“, die Beschreibung der „Mordnacht in der Budinka“ löste kriminalpolizeiliche Ermittlungen aus, die in den Medien für Schlagzeilen sorgten.

Am 13. August 1996 war ich zum ersten Mal in der Tschechischen Republik, besuchte Iglau und Orte der Umgebung, darunter Dobrenz und Bergersdorf. Aus Bergersdorf stammte meine Schwiegermutter, ihr Vater war Bürgermeister des Ortes von 1919–1945. Nach diesem Besuch verspürte ich den Wunsch, ein Buch über die Geschehnisse im Mai 1945 zu schreiben. Im Mittelpunkt sollte der Bürgermeister von Bergersdorf, sein qualvolles Ende am 17. Mai 1945 in Polná, das Schicksal der Menschen seines Dorfes und der anderer Orte stehen.

Der Bügermeister von Bergersdorf Wenzel Hondl

 

Das „SS-Dorf“

Bald merkte ich, dass die Ereignisse im Mai 1945 eine Vorgeschichte hatten. Zwei alte Frauen, die aus Bergersdorf stammten, erwähnten, ihr Dorf sei „SS-Dorf“ gewesen. Es war nicht einfach, dies zu verifizieren. Andere Zeitzeugen gaben an, nichts zu wissen. In den Archiven war dazu nichts zu finden. Schließlich entdeckte ich im „Mährischen Grenzboten“ eine Todesanzeige für zwei gefallene Soldaten, die aus dem „SS-Dorf“ Bergersdorf stammten. Diesen Ehrentitel hatte SS-General Berger dem Dorf, das - wie er feststellte – seinen Namen trug, verliehen, denn es war nicht nur ein Musterdorf, viele Bauernsöhne hatten sich zur SS gemeldet.

Für die Tschechen in der Sprachinsel Iglau brachen mit der deutschen Besetzung im März 1939 harte Zeiten an. Ich glaubte, in einem Tatsachenroman sollten die Leiden der Tschechen nicht verschwiegen werden; die Beziehungen von Deutschen und Tschechen wollte ich möglichst objektiv schildern.

Dies erschien mir auch deshalb wichtig, weil ich bei meinen weiteren Recherchen auf die „Mordnacht in der Budinka“ stieß.


Der „Fall Budinka“

Am 19. Mai 1945 wurden gegen Mitternacht mehr als ein Dutzend eingesperrter deutscher Männer in Dobrenz, Landkreis Iglau auf der Böhmisch-Mährischen Höhe, von betrunkenen Tschechen zu einer Wiese unweit des Dorfes getrieben. Bei strömendem Regen mussten die Deutschen ihre Gräber ausheben, danach schlugen die Betrunkenen mit Schaufeln, Spitzhacken und Spaten auf die Wehrlosen ein. Die Getöteten wurden in aller Eile in die flachen Gruben geworfen und mit Erde bedeckt. Danach machten sich die Täter zum Wirtshaus auf. Einer der Mörder prahlte, er habe den größten Bauern mit einem einzigen Schlag zerteilt. Im Dorf wussten es alle, verschwiegen jedoch ihr Wissen – jahrzehntelang.

Bei meinen Befragungen ehemaliger Einwohner von Bergersdorf, Dobrenz und weiteren Orten der Umgebung, erfuhr ich, was sich in jener Nacht bei Dobrenz zugetragen hatte. Einige Befragte litten auch nach mehr als 50 Jahren unter dem Verlust ihres nächsten Angehörigen.

Im Mai 1997 organisierte der Vorsitzende der Gemeinschaft Iglauer Sprachinsel, Fritz Hawelka, eine Busreise in die frühere Iglauer Sprachinsel. Die 45 Teilnehmer waren fast alle ehemalige Bewohner aus dem Iglauer Land. Bereitwillig schilderten sie mir das Leben zur damaligen Zeit. Fritz Hawelka hatte einen Freund, der in der Tschechoslowakei verblieben war und bei Iglau wohnte, als Dolmetscher engagiert. Dieser erforschte seit einiger Zeit die Geschehnisse des 19. Mai 1945. Wir besuchten auch jene Wiese bei Dobrenz, im Volksmund „Budinka“ genannt. Ein kleines Kreuz aus Birkenholz wurde aufgestellt und mit Grabschmuck umgeben. Tage später wurde beides zerstört im nächsten Gewässer gefunden.

In der folgenden Zeit intensivierte ich meine Recherchen, forschte im Iglauer Archiv und im Bundesarchiv Berlin. Aus dem Staatsarchiv Prag erhielt ich auf Wunsch Hunderte von Kopien über Vorgänge in Böhmen und Mähren aus der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges. Im Mährischen Landesarchiv Brünn konnte ich wichtige Dokumente zu Bergersdorf einsehen.

Fritz Hawelkas Freund sandte mir die Ergebnisse seiner Recherchen zum 19. Mai 1945, nannte die Namen der Täter, Haupttäter sei Robert K. aus Dobrenz gewesen. Wegen Robert K. wandte ich mich an das Staatsarchiv Prag und erhielt Kopien seines Antrags auf Entschädigung, da er sich nach Kriegsende an der „Befreiung von deutschen Faschisten erfolgreich“ beteiligt habe. Doch in Polizeiarchiven war weder ein Protokoll noch eine offizielle Bestätigung zur Mordnacht aufzutreiben. Wie also könnte ich - ohne amtliche Nachweise - über eine Mordnacht berichten, die ich nur vom Hörensagen kannte? Dieser Gedanke beschäftigte mich bis zum Schluss. Ich wog ab, ob es nicht klüger wäre, auf das Kapitel der Mordnacht zu verzichten. Nach vier Jahren der Recherchen und des Schreibens beendete ich schließlich mein Manuskript. Fritz Hawelkas Freund begutachtete es und korrigierte einige sachliche Fehler. Bei meiner Suche nach einem Verlag riet mir ein tschechischer Freund in Iglau, ich möge mich an den Prager Vitalis-Verlag, den er nur empfehlen könne, wenden. Im Januar 2002 war ich in Prag zu einem ersten Gespräch mit dem Verleger, Herrn Dr. Salfellner. Im Sommer 2003 erschien „BergersDorf“.

„BergersDorf“ war erschienen, doch die befürchteten Kontroversen blieben aus. Ich hatte eine Lesereise in Deutschland, begleitet von wohlwollenden Rezensionen, die tschechischen Medien würdigten mein Buch, Kritiken gab es nicht. Lediglich ehemalige SS-Männer aus der damaligen Iglauer Sprachinsel zürnten, mein Buch sei das Produkt einer zur „Bekenntnisgeneration“ zählenden Autorin.

Im Sommer 2009 nahm der Iglauer Journalist Miroslav Mareš Kontakt mit mir auf. Besorgt erkundigte er sich, ob das Kapitel der Mordnacht nicht erfunden sei, schließlich wisse hier keiner etwas darüber. Falls es stimme, möge ich ihm eine amtlich beglaubigte „Erklärung zu Protokoll“ zukommen lassen. Diese legte er der Iglauer Polizei vor und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Einige Angehörige der Opfer sandten ebenfalls notariell beglaubigte Erklärungen. Die Kriminalpolizei in Brünn begann mit den Ermittlungen, nahm Kontakt mit deutschen Behörden auf, überprüfte die Namen auf den Transportlisten der vertriebenen Deutschen - die Namen der Opfer fehlten auf diesen Listen.

Zum 1. Januar 2010 übernahm der Iglauer Kriminalbeamte Michal Laška die Funktion des Chefermittlers. Engagiert und zügig trieb er die Sache voran, Mitte April wurde mit Georadar auf der „Budinka“-Wiese die Lage der möglichen Opfer ermittelt. Miroslav Mareš war fast jeden Tag vor Ort und informierte regionale und überregionale Medien über den Stand der Dinge. Der Prager Filmregisseur David Vondraček drehte Dokumentarfilme zu Bergersdorf und über den „Fall Budinka“.

Am 16. August 2010 hob ein Bagger Erde an der vom Georadar bezeichneten Stelle aus. Bereits nach einer Stunde kam der erste menschliche Knochen zutage. In den folgenden Tagen bargen die Archäologen weitere menschliche Überreste. Über die Exhumierung wurde in allen Nachrichtensendungen berichtet, der „Fall Budinka“ fand weltweit Beachtung. Die Gebeine von 13 Opfern wurden an der Masaryk-Universität Brünn von Anthropologen in einem aufwendigen Verfahren untersucht. Die entnommenen Proben sollten später mit den DNA-Analysen der Nachkommen verglichen werden.

Am 15. September 2012 war in der Jakobskirche zu Iglau das feierliche Requiem mit 200 Gästen. Ergriffen nahmen 60 Angehörige an der Feier teil, ihre DNA-Proben hatten mit denen von 12 Opfern übereingestimmt. Auf dem Zentralfriedhof Iglau wurden die Opfer in einem gemeinsamen Grab bestattet. Auf dem Grabstein waren die Namen von 17 Männern, auch von jenen, die an anderen Orten ermordet wurden, eingraviert. Der Name des Bürgermeisters von Bergersdorf, der in Polna zu Tode kam, ist ebenfalls erwähnt. Das 13. Opfer hatte keine Nachkommen und erhielt eine eigene Grabstätte. Die Kosten hierfür hatte die Gemeinde Dobrenz übernommen.

Der „Fall Budinka“ hatte alles andere überlagert, über Jahre hinweg war ich damit befasst. Ich glaube, dass der „Fall Budinka“ auch die Deutschen und Tschechen, die sich mit dem Fall befassten, einander nähergebracht hat. Ich war froh über diese Entwicklung, die mir noch immer wie ein Wunder erscheint.

 

 

Pressestimmen Pressestimmen

Eine vorzüglich gelungene Symbiose von Roman und Sachbuch, authentisch und zugleich spannend. Die einzelnen Fakten sind mit Quellenhinweisen belegt, wie es sich für ein wissenschaftliches Werk gehört, und dennoch ist die Handlung spannend und ergreifend.
Geschrieben ohne jede Schuldzuweisung, trägt der Tatsachenroman ganz sicher zur Aufarbeitung der deutsch-tschechischen Vergangenheit bei – zumindest bei denen, die guten Willens sind, aber leider gibt es immer noch Betonköpfe auf beiden Seiten.
Nicht nur für die dort ehemals Beheimateten, sondern für alle, die versuchen zu verstehen, was damals geschah, und wie „das“ damals geschehen konnte.

„www.buechervielfrass.de“, am 2. Juni 2003
 

Das Buch schildert ohne Schuldzuweisungen bedrückende Fakten. Es ergreift nicht Partei für Tschechen oder Deutsche, sondern für Opfer – die deutschen, aber auch die tschechischen. Der Verdienst des Buches liegt darin daß das Leben in diesen Jahren auch für die Generationen, die diese schwere Zeit nicht selbst durchmachen mußen, dokumentiert wird. Deshalb ist es nicht nur für uns Ältere, sondern auch für die Jüngeren lesenswert.

„Mährischer Grenzbote“, im April 2003
 

Geschichte einmal anders. Auf halbem Weg zwischen Prag und Wien, an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren liegt die Stadt Iglau. Die sanft geschwungenen Hügel des Böhmisch-Mährischen Höhenzugs mit seinen Feldern, Wiesen und Wäldern scheiden Bäche und Flüsse: Die im Norden des Landkreises Iglau fließen in die Moldau und dann in die Elbe, der Fluß Igla trägt das Wasser Richtung Süden, wo es schließlich in die Donau mündet.“ 
Herma Kennel führt den Leser in die Region um die Iglauer Sprachinsel und setzt den Fokus auf das Jahr 1939. Am 15. März marschiert Hitlers Wehrmacht in Iglau ein. Ein Kurier verbreitet die Nachricht im nahe gelegenen Bergersdorf, wo sie mit Begeisterung vernommen wird. Denn in dem tschechischen Dorf gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Konflikte zwischen den deutschen und den tschechischen Bewohnern. „Wir sind frei! Wir sind frei! Die Fahnen heraus!“, ist aus den Häusern zu hören. Kurz darauf wird ein Attentat auf Adolf Hitler vereitelt. Es kommt zu Verhaftungen und ersten Angriffen auf jüdische Einrichtungen. Gottlob Berger, Chef des SS-Hauptamtes kommt aus Berlin zu Besuch und macht Bergersdorf zu „seinem“ Dorf. Die Bewohner stellen hohe Erwartungen an die neuen Machthaber und sind überzeugt, guten Zeiten entgegenzugehen. Viele von ihnen melden sich sogar freiwillig zum Dienst an der Front. 
Im Laufe des Krieges jedoch ändert sich die Situation. Euphorie schlägt in Missmut um, Freude in Leid. Mütter trauern um ihre toten Söhne und kein Bergersdorfer kann sich den herrschenden Zuständen entziehen. Bis zuletzt wird der Sieg propagiert. Doch plötzlich geht alles sehr schnell. Der Krieg ist zu Ende. Russen und Rumänen besetzen Dörfer auf der Iglauer Sprachinsel – und es kommt zur Katastrophe. 
Der Roman von Herma Kennel basiert auf Tatsachen. „Ich wollte Geschichte in Form einer spannenden Geschichte erzählen“, so die Autorin, die für ihre Aufzeichnungen umfangreiches Material in verschiedenen Archiven gesichtet hat. Außerdem befragte sie Zeitzeugen aus Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik. Das Resultat ist ein dokumentarischer Roman, der durch die aktuelle Diskussion um die Benesch-Dekrete eine besondere Relevanz bekommt. 
Historisch und sprachlich genau beschreibt Herma Kennel die langsam fortschreitende, erschütternde Entwicklung auf der Iglauer Sprachinsel in den Jahren 1939-1945. In ihrer gelungenen Darstellung legt sie großen Wert auf die Authentizität der Ereignisse. Durch ihre scharfe Beobachtungsgabe erhält der Leser einen Eindruck der Lebensart und der Tradition der Bewohner. Die historischen Fakten werden mit Quellenhinweisen belegt, welche keinesfalls den Lesefluss stören. Der Roman bleibt spannend und ergreifend. Wahre Begebenheiten wurden mit fiktiven Szenen und Dialogen verbunden und ausgeschmückt. 
So ist ein Buch entstanden, das die Geschehnisse ohne Schuldzuweisungen betrachtet und den Leser berührt, aufmerksam macht und sogar schockiert.

„www.literaturkritik.de“, im August 2003
 

Ein leises Buch, mit zunehmender Dauer immer lauter werdend bis hin zum katastrophalen Ende. Berührend, aufklärend, intensive Gefühle schildernd – und dieses alles in einer klaren, ungekünstelten und sympathischen Sprache.
Ein wundervolles Buch für nachdenkliche Stunden – und immer dabei: Hoffnung, Lebenswille sowie „positives Denken“, auch wenn die Katastrophe nicht zu verhindern ist.

Reinhard Busse in „www.amazon.de“, 27. Juli 2003